Die Dynamik zurückbekommen

Wie weiter unten schon angedeutet, gibt es bereits seit einiger Zeit Bestrebungen, mit einer hässlichen Eigenschaft von Privatrundfunk (und eben nicht nur dort) aufzuräumen. Die Rede ist von der Orientierung der Lautstärke an Maximalpegeln. Das kennt man zum Beispiel aus der Situation, wenn man gerade einen Film im tv sieht, vielleicht eine etwas leisere Szene, und im nächsten Augenblick kommt ohne Vorwarnung der Werbeblock, der einen von der Lautstärke her mehr oder weniger aus dem Sessel bläst. Viele greifen in dem Augenblick zur Fernbedienung, um die Lautstärke zu senken. Die Sender haben immer behauptet, dass das Signal nicht lauter ist. Da kommt aber der oben angesprochene Maximalpegel ins Spiel. Eine Ausrichtung an diesem bedeutet, dass Film und Werbeblock quasi die gleiche Maximallautstärke (peak) haben können bzw. damit ausgestrahlt werden. Was aber herzlich wenig Bezug zur Dynamik, dem Bereich zwischen leisesten und lautesten Passagen einer Sendung hat. Der Film hat mit den leisen Szenen und einigen lauteren Szenen eine größere Dynamik als der Werbeblock, bei welchem kein großer Abstand zwischen leise und laut existiert. Für den Werbeblock bzw. die einzelnen Spots ist maximal mögliche Lautstärke gewünscht, um den eigenen Inhalt der Werbung möglichst lauter und prägnanter als den der Anderen erscheinen zu lassen. Schon Mal gewundert, warum die Stimme eines Sprechers in einem Radio-Werbespot oder die der Moderatoren so kraftvoll und tief klingen? Alles nur mit technischer Hilfe möglich. Das Audiosignal wird komprimiert, was die Dynamik verringert und die Gesamtlautstärke (quasi der Mittelwert zwischen lauten und leisen Abschnitten) anhebt. Bei Werbung wird so etwas vermutlich immer gemacht, bei Filmen oder Musik sollte es die Ausnahme sein. In der Musikproduktion ist es – speziell bei Pop – wohl doch recht verbreitet. Es gibt nicht wenige Leute, die Tonträger der letzten 10,11 oder 12 Jahre ablehnen, weil sich diese unangenehme Eigenheit in der Produktion niederschlägt und letztlich nur Brei aus den Lautsprechern kommt. Wer Musik aber nur aus dem Handy hört, dass in der Hosentasche steckt (also nicht mal Kopf-/Ohrhörer verwendet), sieht da eher kein Problem drin.

peak normalisation vs loudness normalisation

Was soll jetzt die EBU-Empfehlung R128 (bzw. die internationale Variante der ITU, die ITU-R BS.1770) daran ändern? Nicht mehr der Maximalpegel ist als Bezugsgröße für die Aussteuerung zu verwenden, sondern die Gesamtlautstärke einer Sendung oder Passage, also der Mittelwert (vereinfacht) von lauten und leisen Abschnitten. D.h., im Idealfall fällt man beim Einsetzen eines Werbeblocks nicht mehr aus dem Sessel, weil die Lautstärke viel höher erscheint als in der letzten Szene des Films. Der grundsätzliche Effekt ist damit sicher nicht zu beseitigen, aber das liegt in der Natur der Dinge. Und auch der Zwang (wenn man denn davon reden kann) bei Audioproduktionen auf Dynamik zugunsten der erreichbaren Maximallautstärke zu verzichten, verschwindet. Oder um es mit den Worten von Florian Camerer (ORF), dem federführenden Experten bei R128, zu sagen: „Dynamik wird nicht mehr bestraft“ (sinngemäß).

Aktuelle Auswüchse (siehe auch der ursprüngliche Hinweis im Artikel weiter unten): ARD und ZDF werden zukünftig Werbung entsprechend der neuen Empfehlung leiser ausstrahlen, bei der ARD geht das am 1. Januar des kommenden Jahres los, beim ZDF ist noch kein genauer Termin bekannt. Und auch private Anstalten denken darüber nach bzw. wollen die ersten Erfahrungen anderer Sender beobachten.

disclaimer: ich bin kein Profi, deswegen kann ich u.U. manches falsch verstanden haben oder falsch interpretieren. Für ausführlichere Dokumentation sollte man daher auf die bei der EBU angebotenen Unterlagen zurück greifen: http://tech.ebu.ch/loudness/

 

Bild:  F.Camerer, EBU Technical Review – 2010 Q3

Internationale Richtlinien zur Lautstärke von Rundfunk

Huch. Beim DLF, in der Sendung Markt und Medien kam vorhin ein Beitrag, bei dem es kurz gesagt um die Erarbeitung bzw. Einführung von Richtlinien zur Lautstärke von Rundfunk (also tv und radio) ging. Vermutlich jeder kennt das Gefühl, dass Werbeunterbrechungen einer (nicht nur) akustische Nötigung gleich kommen. Absehbar, aber zB. für mich neu war, dass der gegenwärtige Zustand nur eine Definitionsfrage ist: Werbung ist lauter, aber was bedeutet lauter? Geht es nur um den Maximalpegel oder um den Mittelwert einer/der Dynamik. Solche Fragen und deren Antworten sind Teil der Arbeit eines Gremiums der ITU, die irgendwann mal in konkrete Empfehlungen münden könnten. Eine schnelle Suche im Netz hat allerdings nichts ergeben. Mal schauen, was da noch so kommt.

Nachtrag: die Sendung beim DLF

Radio hört doch keine Sau mehr

Eher zufällig bin ich bei meiner Suche nach neuem Audio-Equipment über diesen (älteren) Thread im hifi-forum gestolpert, der sich mit technischen und kulturellen Aspekten von Rundfunk (Radio) auseinandersetzt. Anlass ist die Frage, ob und wann und vor allem wie DAB/DAB+ die alte UKW-Technik ersetzt. Grundsätzlich sieht es wohl so aus, als ob auch der Nachfolger von DAB nicht das Potential hat, einen veritablen Ersatz zur Analogtechnik zu bieten. Abgesehen von politischen oder finanziellen Gesichtspunkten (für die Sender bzw. die Hersteller von entsprechenden Geräten) spricht nichts dafür, dass der Endverbraucher davon einen Mehrwert oder Fortschritt zu erwarten hat. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Dabei ist wieder mal nicht die technische Seite unzureichend, die wäre eigentlich gut geeignet eine gleichbleibende Qualität (lies: nicht noch schlechter) bei verringertem technischen Aufwand zu liefern. Verschlechternd wirkt wie oben schon angesprochen, dass zB. aus Kostengründen die Übertragungsraten für das einzelne Programm so weit gedrückt werden, dass zwar viele Sender in einem Ensemble übertragen werden können, aber die Qualität des Einzelnen auf unerträglichem Niveau angesiedelt ist – nur technisch gesehen, die Qualität der eigentlichen Inhalte sind nochmal eine weitere Diskussion für sich. Gerade auch mit der allgegenwärtig zunehmenden Verfügbarkeit eines Internet-Zugangs, wie zum Beispiel im Auto, wird sich UKW-/DAB-/whatever-Radio selbst überflüssig machen. Und das ist nicht der Verdienst der Hörer, sondern der Leute bei den Rundfunkanstalten (die Entscheider), die nicht genügend Weitsicht und Phantasie haben. Aber vielleicht lieg ich ja auch völlig daneben. :)